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Die (Schein-)Anforderung in meinen Seminaren lautet in der Regel "Gestaltung einer Seminarsitzung" und nicht nur "Halten eines Referates". Hintergrund dieser Anforderung ist, dass Sie bei mir immer Seminare besuchen, die im weitesten Sinne mit Pädagogik zu tun haben, zu deren zentralen Anliegen die Gestaltung von Lernprozessen zählt und die deshalb im Seminar auch erlernt und reflektiert werden sollen. Gestaltung einer Seminarsitzung beinhaltet die Planung der gesamten 90 Minuten einer Sitzung, wozu auch die Organisation der erforderlichen Materialen und Medien gehört. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass Sie 90 Minuten - oder überhaupt - referieren müssen, sondern Sie können zwischen ganz unterschiedlichen Arbeitsformen wählen. Die Entscheidung darüber, wie Sie arbeiten können, sollte sich richten nach: 1. Ihren eigenen Interessen und Fähigkeiten (was können Sie gut, bzw. was möchten Sie gerne einmal üben); 2. dem bisherigen Verlauf des Seminars (wenn z.B. die letzte Sitzung überwiegend in Kleingruppenarbeit bestand, ist es nicht so sinnvoll die nächste Sitzung methodisch schon wieder auf Kleingruppen aufzubauen, sondern es ist vielleicht eher Arbeit im Plenum angebracht und vice versa) und 3. dem jeweils zu bearbeitendem Thema (nicht jede Methode ist für jedes Thema geeignet). Entscheiden Sie sich für ein "klassisches" Referat, sollte dies nicht länger als 20 bis 30 Minuten dauern und danach müsste eine andere Arbeitsform folgen. Sie können aber genauso mit anderen Arbeitsformen arbeiten. Gestaltung einer Seminarsitzung bedeutet auch nicht, dass Sie die gesamten 90 Minuten allein gestalten müssen. Sie können dies natürlich. Sie können aber auch vor der eigentlichen Sitzung mit mir absprechen, welche Teile ggf. ich übernehmen sollte bzw. wann, wo und wie wir Teile der Sitzung gemeinsam gestalten.
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2. |
Rein mit den schönen Jugenderinnerungen! Aus der Jugend/ Bildungsarbeit sind Ihnen oft eine ganze Menge an Methoden bekannt: z.B. Theater, Pantomime, alle möglichen Spiele, Projekt- und Kleingruppenarbeit. Entweder haben Sie diese erlebt, oder aber in anderen Kontexten selbst schon angewandt. Dies ist ein ganz wertvoller Fundus, der mit Betreten der EFH nicht verloren gehen sollte, sondern darauf wartet, gezielt eingesetzt zu werden. So ziemlich jede Methode aus der Jugend/ Bildungsarbeit ist in irgendeiner Form auch in Seminaren oder Referaten einzusetzen! Die Frage sollte nicht sein ob, sondern lediglich wie dieser Einsatz erfolgen kann. Mitunter müssen Methoden so modifiziert werden, dass damit nicht nur Lust und Spaß, sondern auch ein gezielter Lerninhalt transportiert wird. Dies stellt sich nach einigem Nachdenken aber meist als gar nicht so schwierig heraus. Wenn Sie unsicher sind, können Sie mich im Vorfeld auch gerne noch einmal fragen und wir modifizieren Methoden gemeinsam.
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3. |
Ein Referat ist keine Hausarbeit! Referate sollen grundsätzlich nicht schriftlich bis ins Letzte ausformuliert und dann abgelesen werden. Ein derartiges Ablesen hat sich als Gute-Nacht-Geschichten zwar an vielen Kinderbetten bewährt, jedoch war dort die Zielstellung, die Kleinen gut in den Schlaf zu geleiten. Dies sollte nicht die Zielstellung von Referaten sein! Ein Referat ist ein mündlicher Vortrag, der sich sowohl im Aufbau als auch in der Art der Präsentation deutlich von einer schriftlichen Hausarbeit unterscheidet, nach Möglichkeit frei gehalten wird und viele Medien und Sinne einbeziehen sollte. Die Zuhörenden werden Ihnen für jede Aufmunterung und Abwechslung dankbar sein. Dies bedeutet, dass der Aufbau eines Referates stark unter dramaturgischen Gesichtspunkten reflektiert werden sollte: Wie kann ich Interesse wecken? Kann ich einen Witz einbauen? Welche Medien gibt es? Wie kann ich das Publikum einbeziehen? usw. usf.
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Reduktion von Komplexität! Bei der Zuhörerschaft handelt es sich auch (nur) um Menschen! Von daher: Bitte nicht überfordern! Ein Referat sollte nicht beanspruchen, sämtliche Feinheiten und Nebenschauplätze eines Themas zu präsentieren. Beispiele sind gut - zu viele Details aber nicht! Dafür gibt es Texte, die ich - z.B. im Liegestuhl in aller Ruhe in der Sonne liegend - wiederholt lesen kann. Ein Referat sollte sich vielmehr auf einen einzigen Grundgedanken konzentrieren, der dann jeweils aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Dieser Grundgedanke sollte in einem einzigen Satz (oder These) formuliert werden und das Referat eröffnen. Es schadet auch nicht, diesen Grundgedanken öfter zu wiederholen. Denn: Beim ersten Mal hat die Zuhörerschaft noch gar nicht begriffen, dass dies der Grundgedanke des Referats ist. Beim zweiten Mal war jemand gerade durch das Knistern des Brotpapiers des/der NachbarIn abgelenkt und ab dem dritten Mal steigt langsam die Chance, dass dieser Gedanke tatsächlich die breitere Zuhörerschaft erreicht. Wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, dann visualisieren Sie diesen Grundgedanken!
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5. |
Visualisieren, visualisieren und nochmals visualisieren! Die Aufmerksamkeit und Behaltensquote steigt um ein Vielfaches, wenn ein Inhalt nicht nur akustisch, sondern auch optisch aufgenommen wird. (Gegen die Nutzung aller anderen Sinne spricht natürlich auch nichts.) Von daher sollte jedes Referat durch irgendeine Form von Visualisierung begleitet werden. Visualisieren Sie z.B. die Gliederung, die Thesen, Übersichten, Grafiken, Bilder... Dabei aber bitte die Begrenztheit der menschlichen Sehschärfe nicht vergessen! Visualisierungen müssen in der letzten Reihe zu erkennen sein! (Größe und Farbe der Visualisierungen)
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Kein Perfektionismus! Einem Satz mit vier "ähs" und zwei grammatikalischen Fehlern ist in der mündlichen Präsentation immer noch besser zu folgen als einem perfekt formulierten aber abgelesenen Satz! Also: Sprechen Sie nach Möglichkeit frei, machen Sie sich z.B. Stichpunktkarten und riskieren Sie lieber einen Versprecher mehr. Sollten Sie doch mal den "Faden verlieren", holen Sie einfach in aller Ruhe mehrmals tief Luft (sowieso nie das Luftholen vergessen...) - meist kommen dann die klugen Gedanken ganz von allein zurück - und wenn nicht jeder Gedanke genial ist, macht das auch nichts. Irgendwie werden Sie den Faden schon wieder finden und es gibt ja auch noch mehr Leute im Raum, die Ihnen dabei helfen können. Also: Weniger perfekt kann besser und interessanter sein. Fehler zu machen, sich zu versprechen, zu probieren und neu anzufangen ist menschlich, lässt uns sichtbar werden und wirkt oft viel sympathischer als langweilige Perfektion, die wir Computern überlassen können. Ein Referat zu halten, muss nicht bedeuten, alle Antworten zu diesem Thema zu kennen, sondern kann auch bedeuten Fragen zu stellen bzw. in Frage zu stellen - schließlich gibt es hier (im Unterschied zur Hausarbeit) ein lebendiges Publikum, mit dem diese diskutiert werden können.
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7. |
Zurückgehen um die Zuhörenden mitzunehmen: Ein häufiger Fehler bei Referaten ist ein zu hohes Niveau des Referates. Während der Phase der Vorbereitung arbeiten Sie sich sehr intensiv in ein Thema ein und werden so zu ExpertInnen. Für die Präsentation der Ergebnisse müssen Sie jedoch zunächst "einen Schritt zurück" gehen, denn die Zuhörenden haben die von Ihnen in der Vorbereitung vollzogenen Lern- und Erkenntnisschritte noch nicht vollzogen. Es ist nicht die schlechteste Idee, bei der Planung des Aufbaus eines Referates sich genau an die eigenen ersten, unbeholfenen Schritte, Irrtümer und Sackgassen zurückzuerinnern. Genau an dieser Stelle dürften die Zuhörenden stehen und warten, dort abgeholt zu werden. Zielgruppe für das zu planende Referat ist nicht die Dozentin (die sich mitunter bei manchen Themen aber auch nicht so gut auskennt), sondern sind die Studierenden des Seminars!
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8. |
Fragen sind ein Qualitätsmerkmal! Von daher: Haben Sie Mut zur Lücke und Mut zur Frage! Ein Referat ist nicht dann besonders gelungen, wenn dieses durch keinerlei Fragen unterbrochen wird oder sich nach Beendigung eine drückende Stille im Seminarraum verbreitet, sondern dann, wenn die Zuhörerschaft (wenn möglich) bereits während des Referates Begeisterung, Empörung oder Unverständnis durch Fragen oder Zwischenrufe äußern kann. Erinnern Sie sich: Sie sind Experte bzw. Expertin! Die meisten Fragen müssen Sie gar nicht fürchten, sondern werden Sie ohne Mühe beantworten können. Und wenn Sie doch keine Antwort wissen macht das auch nichts. Kein Mensch weiß auf alles eine Antwort! Ich reagiere zumindest in der Regel sehr viel genervter, wenn Sie eine Frage nicht zulassen (oder Wortmeldungen "übersehen") als wenn Sie die Antwort nicht wissen. Vielleicht weiß ich sie, vielleicht weiß jemand anders im Seminar die Antwort und wenn es niemand weiß, wissen wir eben, womit wir uns noch beschäftigen sollten. Das Leben wäre doch langweilig, wenn wir immer alles wüssten.
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9. |
Achten Sie auf die Zeit! Ein Referat wird nicht dadurch gut, dass Sie Unmengen an Vorbereitungszeit investieren und potenziell ganz viel erzählen oder machen könnten. Letztendlich interessiert nur das, was tatsächlich in der vorgegebenen Zeit präsentiert werden kann. Stoppen Sie bei Vorträgen zu Hause die Zeit! Planen Sie mit Zeitpuffer, d.h. planen Sie für den Vortrag mehr Zeit ein, als Sie zu Hause für den Vortrag benötigten (ca. 1/4 mehr). Es kann immer zu technischen Problemen und Verzögerungen kommen und die (hoffentlich) zahlreichen Rückfragen aus dem Publikum füllen schnell eingeplante Zeitpuffer.
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10. |
Ein Blick in die Gesichter der Anwesenden kann als relativ sichere Evaluationsmaßnahme über das Interesse und die noch vorhandene Aufnahmefähigkeit des Publikums eingesetzt werden. Wenn auf die Frage ob alle noch folgen können, keine Antwort erfolgt, bedeutet dies zumeist nicht - wie häufig von Referierenden gedeutet - "Ja", sondern eher: "Ich bin schon viel zu müde um überhaupt noch protestieren zu können." Also: Beachten Sie die Körpersignale bei den Zuhörenden und nehmen Sie diese rechtzeitig ernst. Wenn alle müde sind, macht es einfach keinen Sinn mit dem Referat fortzufahren, sondern es sollte eine Pause gemacht oder methodisch gewechselt werden.
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11. |
Nehmen Sie sich selbst ernst und nutzen Sie sich als Seismograph! Achten Sie darauf, ob Sie selbst Lust an der Referatsvorbereitung haben. Wenn Sie diese nicht haben, überlegen Sie wie sie diese vielleicht bekommen könnten: Brauchen Sie vielleicht erst einen freien Tag? Finden Sie vielleicht das Thema ganz schrecklich und sinnlos? Wie wäre es dann z.B. damit, mit genau diesen, ihren eigenen Widerständen und Fragen an das Thema in das Referat einzusteigen? Welches Teilthema finden Sie vielleicht doch spannend? Wo könnte dieses Thema in ihrer eigenen Praxis (doch) von Relevanz sein? Wenn Sie merken, dass Sie selbst sich bei dem Referatsthema oder der Art der Präsentation langweilen, können Sie relativ sicher sein, dass auch die Zuhörenden sich später langweilen werden. Wenn Sie merken, dass Sie sich selbst nur quälen, sollten Sie auf keinen Fall auch noch die anderen quälen, sondern im Zweifelsfall lieber in meine Sprechstunde kommen. Vielleicht finden wir gemeinsam eine Lösung, die lustbesetzter ist. Wenn Sie selbst Lust und Spaß verspüren, wird dieser Funken auch auf das Publikum überspringen. Eine Seminarsitzung sind letztendlich 90 Minuten unserer knapp bemessenen Lebenszeit, die wir durchaus schlafend, abschaltend oder vor uns hin dösend überstehen können, die aufgrund der Kürze und potenziellen Schönheit des Lebens aber auch lustvoll und gewinnbringend angelegt werden kann.
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© Prof. Dr. Ingrid Miethe, Evangelische Fachhochschule Darmstadt